13 Juli 2012 ~ 5 Kommentare

Innovations-Impulse durch Social-Trading

Ich glaube, ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster mit der Behauptung, dass die Innovationsbereitschaft im Bereich der Finanzdienstleister gering ist. Zumindest im Vergleich zu anderen Branchen wie z.B. dem Handel.

Es sind vor allem kleinere StartUps, die mit innovativen Geschäftsmodellen versuchen, das Monopol der Banken im Endkundengeschäft aufzubrechen. Doch das scheint ein schweres Unterfangen zu sein, denn einige hoffnungsvoll gestartete StartUps sind schon wieder von der Bildfläche verschwunden (Kontoblick, Noa Bank) und bei anderen darf man skeptisch sein, ob es sich um ein dauerhaft tragfähiges Geschäftsmodell handelt.

So hat insbesondere mit smava ein gefeierter Star der Szene kürzlich sein eigentlich innovatives Geschäftsmodell stark in Richtung Mainstream korrigieren müssen. Auch von der Fidor Bank habe ich schon länger keine Erfolgsmeldungen mehr vernommen. Innovativ ja, aber nicht erfolgreich, weil die Nutzerakzeptanz fehlt? Wie ist es also um die Innovatoren bei den Finanzdienstleistern bestellt?

Brokerage ist Innovativ

Der Wertpapierhandel ist ein Bereich, der schon einmal für einen nachhaltigen Strukturwandel gesorgt hat. Mit Beginn des Internetzeitalters kamen 1995 die ersten Onlinebroker auf den Markt und haben den Wertpapierhandel demokratisiert. Niedrige Gebühren und hohe Transparenz führten dazu, dass die klassischen Beratungsangebote der Filialbanken immer weniger Kunden anlocken und binden können.

Nun sorgen Social Trading-Angebote für eine Fortsetzung dieses Innovationsprozesses, indem auf Schwarmintelligenz gesetzt wird.

ayondo – der Vorreiter
Eigentlich ist ayondo kein echter Vorreiter im Sinne von Erfinden einer neuen Geschäftsidee, denn das Frankfurter StartUp greift Dinge auf, die eToro und Zulutrade (aus den USA) als erstes entdeckten. ayondo hat diese Idee nach Deutschland gebracht und schickt sich derzeit an, den europäischen Markt zu erobern.

Worum geht es bei ayondo? Das ist mit zwei Sätzen erklärt. Top-Trader legen ihre Wertpapiergeschäfte (Trades) offen und der Otto-Normal-Trader kann diese Trades nachvollziehen und nachhandeln. Bei den Top-Tradern handelt es sich größtenteils um Daytrader, die Positionen sehr schnell öffnen und wieder schliessen. Das ist insofern relevant, weil das “Nachhandeln” dadurch sehr schwierig ist. Nicht jeder möchte den ganzen Tag vor dem Rechner sitzen, um diese Trades nachvollziehen zu können. Daher bietet ayondo eine automatische Verknüpfung des eigenen Depots mit den Depots der Top-Trader. Nun können die Trades der selektierten Top-Trader automatisch mitausgeführt werden. Praktischerweise können dabei noch individuelle Positionsgrößen bzw. Risikoeinstellungen vorgenommen werden.

Allerdings kann nicht jedes beliebige Depot mit den ayondo-Toptradern verknüpft werden. Dem stehen technische Restriktionen gegenüber und natürlich auch das ayondo-Geschäftsmodell. So hat ayondo mit inzwischen 3 Partnerbrokern Vereinbarungen getroffen. Nur bei diesen Partnerbrokern können die Konten mit den ayondo-Toptradern verbunden werden. Für den Kunden ist der ayondo-Service vordergründig kostenlos. Bei der Ausführung der Trades zahlt er jedoch indirekt Gebühren in Form eines Spreads zwischen Ankauf- und Verkaufskurs. ayondo als Technologieanbieter erhält einen Teil des Spreads und gibt davon wiederrum etwas an die Top-Trader weiter.

Bei den gehandelten Positionen handelt es sich ausschliesslich um CFD bzw. Forexkontrakte. Aktien scheiden aus, da hier die Gefahr des Front Runnigs zu groß ist und es hier wahrscheinlich keine Genehmigung der BaFin erhalten würde.

Wer hier tiefer einsteigen möchte, dem empfehle ich einen sehr interessanten Artikel über ayondo auf dem Blog von Lothar Lochmaier.

StockPulse
Bei dem jungen StartUp aus Köln dreht sich alles um Aktien und der allgemeinen Börsenstimmung. Die beiden Gründer haben von einem Forschungs-Aufenthalt in den USA an der Massachusetts Institute of Technology (MIT) eine Idee mit nach Deutschland gebracht. Und die geht so, StockPulse analysiert die Gespräche über einzelne Aktien in Sozialen Netzwerken wie Facebook und insbesondere Twitter und wertet aus, wie häufig über eine Aktie gesprochen wird (Diskussionsintensität) und ob die Meinung eher positiv oder negativ ist (Stimmungslage). Insbesondere in den USA funktioniert dies sehr gut, denn dort ist die Diskussion über Aktien in den Sozialen Medien schon recht verbreitet und praktischerweise werden Aktien auch in den Tweets eindeutig über Kürzel klassifiziert. Gespräche über z.B. Apple, werden beispielsweise mit $AAPL geführt. An die Daten zu gelangen, ist dabei noch recht einfach. Nicht ganz so einfach ist es, diese auch richtig zu interpretieren. Den Berechnungen liegen statistische Modelle zugrunde, die sicherstellen, dass die ausgegebenen Signale statistisch signifikant sind. In die Software fliesst z.B. auch ein, wie relevant der Verfasser eines Tweets ist.

Nutznießer sind Privatanleger oder institutionelle Händler, denen StockPulse diese Auswertungen in Form von Handelsignalen zur Verfügung stellt.

Das Finanzportal onvista.de hat kürzlich eine Kooperation mit StockPulse geschlossen. Ein Interview mit einem der Gründer gibt es hier.

Wikifolio
Das dritte Unternehmen, das ich hier vorstellen möchte, ist von der Idee her näher an ayondo dran. Wikifolio ist ein in Österreich (Wien) gegründetes StartUp, dessen Name sich aus Portfolio bzw. Wikipedia zusammensetzt und damit die Grundidee des Unternehmens wiedergibt: Nutzer stellen ein Musterportfolio zusammen, in das andere investieren können.

Ganz ähnlich wie bei ayondo veröffentlichen Trader ihre Anlagestrategien in offenen Depots, sogenannten wikifolios. Das Besondere ist, dass die Musterdepots eine eigene Wertpapierkennnummer (ISIN) erhalten und somit als vollwertiges Finanzprodukt bei jedem Online-Broker handelbar sind. Das Zertifikat bildet die Entwicklung des Wikifolios eins zu eins ab. Steigt das Wikifolio um sechs Prozent, so steigt auch der Wert des Zertifikats um sechs Prozent.

Voraussetzung dafür, dass ein wikifolio als Zertifikat aufgelegt wird, dass das wikifolio über einen längeren Zeitraum erfolgreich geführt wurde und eine Mindestanzahl an Personen dem wikifolio „folgt“.

Vergleicht man wikifolios mit Investmentfonds liegen die Vorteile des wikifolios in den vergleichsweise niedrigen Gebühren und in der hohen Transparenz. Der Anleger weiss genau, welche Aktien sich in seinem wikifolio befinden.

Aktuell noch „Public Beta“, plant wikifolio.com im Juli 2012 in Vollbetrieb gehen. Ab dann können Anleger in die veröffentlichten wikifolios mit echtem Geld investieren.

Update 20.11.2012

Refined Investment
Ein weiteres interessantes StartUp aus dem Bereich Trading. Diesmal geht es um automatische Handelssysteme, denen Anleger folgen können. Handelssysteme führen Wertpapiertransaktionen auf Basis mathematischer Algorithmen selbständig aus und platzieren die Orders an der Börse. Bisher war diese Form des Handelns institutionellen Anlegern und anderen Profis vorbehalten, da die Software-Entwicklung zeitaufwändig und die technische Infrastruktur kostspielig ist. Hier setzen die drei Berliner Gründer an, indem Sie Privatanlegern einen exklusiven Zugang zu verschiedenen Handelssystemen verschaffen.

Ansonsten ähnelt das Prinzip dem von ayondo, welches wir weiter oben vorgestellt haben. Der Privatanleger meldet sich bei Refined Investment an und wählt dort ein oder mehrere Handelssysteme aus. Anschließend verknüpft er sein Depot und führt ab sofort die Trades, die das Handelssystems vorgibt, vollautomatisch aus. Es stehen mehrere Handelssysteme zur Auswahl, die auf unterschiedliche Assetklassen wie Forex, Rohstoffe und Aktien ausgerichtet sind. Auf der Webseite von Refined Investment werden die Performance-Kennzahlen jedes einzelnen Handelssystems aufgelistet (max. Drawdown, Rendite, Monate mit Verlust etc.). Der Service ist zunächst kostenlos, werden Gewinne erwirtschaftet, erhält Refined Investment einen Anteil (20-30%).

Dass dieses Geschäftsmodell den Puls der Zeit trifft, zeigt die gerade abgeschlossene Finanzierungsrunde über Seedmatch. Dort wurde in 52 Minuten die maximale Fundingsumme von 100.000 Euro eingesammelt. Damit hält Refined Investment schonmal den Rekord für die schnellste Finanzierung in Deutschland durch die Crowd.

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Autor:  Thomas Hönscheid berät und unterstützt Finanzdienstleister bei der Neukundengewinnung über das Internet. Bis vor kurzem leitete er das Marketing der OnVista Bank und des Finanzportals OnVista.de. Bei einer großen Genossenschaftsbank war er für klassisches Marketing und Website-Management verantwortlich.


5 Kommentare zu “Innovations-Impulse durch Social-Trading

  1. Hansjörg Leichsenring 16 Juli 2012 um 09:22

    In der Tat ein spannendes Thema. Danke für die Übersicht

    Beste Grüße

    Hansjörg Leichsenring
    http://www.der-bank-blog.de

  2. Bernhard Lehner 17 Juli 2012 um 09:47

    Hallo Herr Hönscheid, toll, dass es wikifolio schon in Ihre Übersicht geschafft hat! Vielen Dank! Das Thema ist heiß, ich denke, dass sich hier sehr viel tun wird. Wir arbeiten jedenfalls weiter mit Hochdruck am Commercial Launch. Wir lassen von uns hören, wenn es in Kürze soweit ist!

  3. Thomas Hönscheid 18 Juli 2012 um 21:11

    Hallo Herr Lehner,

    vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich bin gespannt auf das GoingLive.

  4. Bernhard 19 Juni 2013 um 15:35

    Interessant und gerade per Zufall über “ayondo 3.0″ gelesen

    http://www.wallstreet-online.de/nachricht/6241885-cfds-ayondo-3-0-deutsche-social-trading-plattform

    Da tut sich anscheinend etwas…

  5. Bastian 18 Juli 2013 um 18:15

    Schön zu lesen das sich langsam etwas im Bereich Finanzen bewegt und Themen wie Social Trading, Crowdfunding oder Mikrofinanzierung im Mainstream ankommen. Viele Geschäftsfelder wurden durch das Internet komplett verändert und warum soll die Finanzwelt davon “verschont” bleiben. Ich glaube fest daran das der Finanzwelt ein Wandel bevor steht, der nicht zuletzt durch die Finanzkrise begünstigt wird. Auch wenn die Großen nicht verschwinden werden so wird zu mindestens eine Alternative geboten die allen einen Mehrwert bringt.


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