30 Dezember 2008 ~ 5 Kommentare

Bank 2.0 – eine Übersicht

Es gibt mal wieder etwas Neues zum Thema Web 2.0 bei Banken und Sparkassen. Die Beratung WG-Data AG (eigenartiger Name, oder) hat in den letzten Tagen eine Studie zu dem Thema veröffentlicht. Das Handelsblatt hat in seiner Online-Ausgabe darüber berichtet und dadurch bin ich auf diese Studie aufmerksam geworden.

Ich bin bei Web 2.0-Studien zunächst oft etwas skeptisch, weil erstens nicht immer klar ist, wer denn da eigentlich befragt wurde und zweitens, die Studien von den Beratungen gewiss nicht immer ganz uneigennützig erstellt werden. Trotz allem verfolge ich die Entwicklung bei dem Thema Bank 2.0 absolut interessiert und bin überaus gespannt, welche Bank als erstes Web 2.0-Elemente richtig gut umsetzt.

Zur Studie: “Banken und Sparkassen können aus der Nutzung verschiedener Web 2.0-Instrumente großen Profit ziehen”, dass ist die Kernaussage der neuen Studie.  Über die Hälfte der befragten Personen (56 Prozent) seien der Meinung, dass eine Bank oder Sparkasse mit der Zeit gehen und aus diesem Grund “Web 2.0-fähig” sein muss.

Blogs:
19% der befragten Personen halten Blogs für “sehr wichtig”
41% immerhin für “interessant”

Communities:
30% der befragten Personen halten Communities für “sehr wichtig”
59% für “interessant”

Chat mit Bankmitarbeitern:
26% der befragten Personen halten Chats für “sehr wichtig”
48% für “interessant”

Über Podcasts und RSS-Feeds habe ich in dem Artikel leider keine Aussage gefunden.

Lustig finde ich das Argument, dass eine Bank “mit der Zeit gehen muss”. Danach habe ich lange gesucht. Endlich kann man den Führungskräften mal einen plausiblen Grund nennen ;-) Wird nicht funktionieren! Sollte nicht auch eher der Kunden-Nutzen im Vordergrund stehen? Dieser kann wahrlich hoch sein. Ich denke da an den Einsatz von RSS als Konditions-Feed, News-Feed oder Pressemitteilungs-Feed für die Journalisten. Oder an Tag-Clouds zur leichteren Navigation innerhalb des Internetauftritts. Diese Dinge wären auf der Umsetzungs-Schwierigkeitsskala  ganz unten angesiedelt und würden einen messbaren Nutzen bieten.

Gehe ich einen Schritt weiter, in Richtung Blogs und Communities, ist die Nutzenfrage aus Kunden- und Unternehmenssicht zunächst nicht so eindeutig zu beantworten. Sicher, es gibt eine große Nachfrage nach Investment-Communities wie z.B. wallstreet-online. Hier sind aber eher die Institute mit starkem Brokerage-Anteil gefordert. Und wird auch z.B. bei der comdirect schon umgesetzt. Für andere Banken und Sparkassen sieht das aber bestimmt ein wenig anders aus. Hier müssen andere verbindende Themen gefunden werden.

Dabei stecken die Institute in einem Dilemma. Auf der einen Seite gibt es bei User-Generated-Content ein gewisses Risiko, was die Reputation der Bank betrifft, z.B. wenn Provozierer kübelweise Dreck über die Bank und deren Funktionsträger auf deren eigener Seite ausschütten würden. Bei zweifelhafter Anlageberatung wie zuletzt bei den Lehmann-Zertifikaten ist das gar nicht mal auszuschließen. Und das dann nur einen Klick von der Startseite entfernt. Ein ziemlicher Kommunikatonsgau!

Fazit: Auf der Soll-Seite steht also das nicht kalkulierbare Risiko und für die Habenseite kann niemand vorhersagen, was eine Community oder ein Blog tatsächlich an Mehrgeschäft bringt. Die Risiken lassen sich sicher managen (Blog-Kommentare z.B. nur nach Freigabe durch Admin), teilweise fehlt aber auch bei den Verantwortlichen der Glaube, dass es gute Inhalte gibt, die Externe interessieren könnten.

Zusätzlichen Vertrieb dürfte ein Blog wahrscheinlich so schnell nicht einbringen. Er kann aber für eine neue Relevanz der Webseite sorgen. Und diese wird sich sicher langfristig auch monetär auszahlen.

Meine Linksammlung zu diesem Thema:
Bank 2.0 – Innovationsforum mit Beteiligung des Frauenhofer Instituts
db research – Auswirkungen des Web 2.0 auf Finanzdienstleister (PDF)
Best-Practice-Business-Blog – Wie sieht die Bank der Zukunft aus?

Wie immer, freue ich mich über Kommentare oder auch weitere Linkhinweise.

Update:
Bankmarketing in Zeiten vielfältiger Kundendialoge
Deutsche Top-Banken zu Social Media und Web 2.0

Ähnliche Artikel:


Autor:  Thomas Hönscheid berät und unterstützt Finanzdienstleister bei der Neukundengewinnung über das Internet. Bis vor kurzem leitete er das Marketing der OnVista Bank und des Finanzportals OnVista.de. Bei einer großen Genossenschaftsbank war er für klassisches Marketing und Website-Management verantwortlich.


5 Kommentare zu “Bank 2.0 – eine Übersicht

  1. Boris 2 Januar 2009 um 12:02

    Hallo,

    schon im letzten Jahr gab es wohl eine ähnliche Umfrage von der WG Data. Die Umfrage Ergebnisse zeigen für mich eigentlich nur, wie unbeholfen die deutschen Firmen dem Thema “Social Media” bisher gegenüber stehen. Etwas befremdlich finde ich es darüber hinaus, dass die Echtzeit Kommunkation mit den Kunden offensichtlich nicht als Mehrwert bzw. Nutzen gesehen wird.
    Die Bankenbranche hat in den letzten Jahren viel Porzellan zerstört und hat nun Angst vor dem Kunden. Das ist doch bedenklich und Angst ist natürlich in der Regel kein guter Ratgeber. Nur: Wer Kunden ehrlich behandelt und offen und ehrlich kommuniziert muss auch keine Angst vorm kommunikativen Super Gau haben.
    Da gibt es dann doch ein grundsätzliches Kultur Problem, dass mit web2.0 überhaupt nichts zu tun hat.
    Und die Frage: Was web2.0 einem Finanz Institut bringt stellt sich eigentlich schon gar nicht mehr. Ich möchte hier zum Abschluss einen Satz aus der Studie”When did we start trusting strangers? How the internet turns us all into influencers von Universal Mc Cann zitieren, den man auch auf die Finanzbranche übertragen kann. Ersetzen Sie “Brands” einfach durch Finanzunternehmen. “Brands tin social today are included in social and conversational media, whether they like it or not”.
    Nichts tun bedeutet also auch etwas tun und dieses Tun ist möglicherweise nicht das Optimale.
    In diesem Sinne
    electrouncle

  2. Thomas 3 Januar 2009 um 00:41

    @Boris

    Mit dem ersten Kommentar hier im Blog hast Du bei mir einen erfreuten Laut bei der E-Mail-Benachrichtigung ausgelöst. Danke für dieses Erlebnis und Herzlich willkommen ;-)

    Wer wurde bei dieser Studie eigentlich befragt? Verantwortliche aus Kreditinstituten oder normale Kunden? Aus dem Artikel im Handelsblatt geht das nicht hervor.

    Jetzt ganz unabhängig von den Ergebnissen der Studie, ist der Umsetzungsstand von Web 2.0-Elementen sicher noch unbefriedigend. Aber, wir diskutieren schon darüber, andere tun es auch und in UK und anderswo wird es schon praktiziert. Es kann also auch hier nicht mehr lange dauern, bis sich noch mehr Banken damit beschäftigen.

    Ein Wort noch zu den Strukturen in der Bank:
    Wenn wenig Kenntisse über die Vorteile vorliegen, werden auch im ersten Step keine großen Mittel dafür bereitgestellt. In dieser Sparvariante wird ein Teammitglied dieses Projekt nebenbei “mitbetreuen” dürfen. Wahrscheinlich ist es seinem Engagement zu verdanken, dass das Thema überhaupt auf der Agenda steht. Das inhaltliche Konzept droht dann in der operativen Ausführung unter die Räder zu kommen.

    Anhand erfolgeicher Umsetzungsbeispiele lässt sich am besten zeigen, welcher Nutzen erzielt werden kann. Anschließend braucht es allerdings auch jemanden im Unternehmen, der diese Beispiele kennt und entsprechend aufbereiten kann.
    Womit die Leute von der GLS-Bank anscheinend keine Problem haben. Die kennen sich im Web gut aus. http://electrouncle.wordpress.com/2008/12/30/gls-bank-die-bloggende-und-twitternde-bank/
    Mal schauen, wie es da weitergeht.

  3. Daniel Kruse 12 Mai 2009 um 18:48

    Danke für die hervorragende Fülle von Infos – das klingt jetzt irgendwie spammig, mein ich aber ganz ernst ;-) Schreibe nämlich gerade ein Paper zum Thema und lerne hier sehr viel.

    Gracie,
    Daniel

  4. Thomas Hönscheid 12 Mai 2009 um 22:29

    Hallo Daniel, auch Danke für das nette Feedback und den Tweet ;-)

  5. [...] Die Studierenden bekamen von mir unterschiedliche Berichte, u.a. „Billige Blogger gesucht“, „Bank 2.0“, „Kampf um Stuttgart 21 tobt auch im Internet“, „Der Iran twittert plötzlich [...]


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